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Revierrelikte im Schatten. Bochums Rotlichtviertel im Kontext der Industrialisierung

In dieser Episode des Podcasts "Revierrelikte – Ruhrgebiet im Wandel" gibt Luise Wehmeyer spannende Einblicke in die Entstehung und Verlegung von Bochums erstem Rotlichtviertel im Kontext der Industrialisierung im späten 19. Jahrhundert und dem damit verbundenen Anstieg der Prostitution. Sie analysiert die Rolle der Stadtverwaltung und der Bochumer Vereine, die den Standort des Rotlichtbezirks prägten. Die Episode bereichert die Geschichte des Bergbaus, indem sie stigmatisierte und an den Rand gedrängte Perspektiven in den Fokus rückt. Zudem wird die vorherrschende männliche Erzählweise kritisch hinterfragt, wodurch die komplexen gesellschaftlichen Dynamiken Bochums umfassender betrachtet werden

Autor*innen:

  • Luise Wehmeyer

Adresse des AKTIV-Ortes:

Im Winkel, 44793 Bochum
[0:00:14–0:01:05]

Begrüßung

Paula Wrede:

Willkommen zur 5. Folge von Revierrelikte – Ruhrgebiet im Wandel, mein Name ist Paula Wrede.  Heute geht es um die Frage: Wie hat der Bergbau die Entstehung und Verlegung von Bochums erstem Rotlichtviertel beeinflusst? Mein Gast ist dafür heute Luise Wehmeyer, die sich in den letzten Monaten intensiv mit dieser Thematik auseinandergesetzt hat.

 

Luise Wehmeyer:

Hallo! Ich freue mich sehr heute hier zu sein und etwas zur Antwort auf die Frage: Was bleibt vom Boom beizutragen.

 

Paula Wrede:

Viele fragen sich jetzt vielleicht: Warum ist Bochums 1. Rotlichtviertel in Bezug auf die Fragestellung was bleibt vom Boom relevant?

 

Luise Wehmeyer:

Die kurze Antwort ist: Weil es eine Nebenerscheinung des Booms abseits der typischen Meistererzählung darstellt. Diese zeigt wie Bergbau, Macht und Moral in der Geschichte Bochums miteinander verwoben waren, was die Geschichte um wichtige Perspektiven bereichert. Für die lange Antwort bleibt noch 15 Minuten dran.

[0:01:05–0:03:19]

Historischer Kontext / Vorgeschichte der Entstehung

Paula Wrede:

Bevor wir jetzt so richtig tief in das Thema eintauchen. Hol mich und unsere Hörer*innen doch einmal ab, indem du uns die historischen Rahmenbedingungen vorstellst in denen Bochums erstes Rotlichtviertel entstand.

 

Luise Wehmeyer:

Stellt euch Bochum im späten 19.Jhd. vor: wir befinden uns damals mitten im Prozess der Industrialisierung und Bochum unterläuft gerade einen signifikanten gesellschaftlichen sowie wirtschaftlichen Wandel. Bochum wandelt sich von einer eher landwirtschaftlich geprägten Kleinstadt zu einer Industriemetropole.

Durch den Aufstieg des Ruhrgebiets zu einer bedeutenden Bergbauregion stieg der Bedarf an Arbeitskräften stark an. Somit stieg auch der Zuzug von Arbeitssuchenden aus umliegenden Gebieten, später auch aus entfernteren Regionen in das Ruhrgebiet enorm. Erwähnenswert und im Folgenden relevant ist an dieser Stelle, dass den Großteil der Arbeitssuchenden junge ledige Männer und verheiratete Männer, dessen Familien jedoch nicht mit umgezogenen waren, darstellten.

Hinzu kommt, dass die Arbeiter durch die 1860 in Bochum in Betrieb genommene Eisenbahn mobil wurden und über einen relativ hohen Lohn verfügten. Aus diesen Faktoren ergab sich Ende des 19. Jhd. die Etablierung einer sogenannten „Dirnentouristik“ mitten im Bochumer Stadtkern.

 

Paula Wrede:

Das hört sich nach einigen Veränderungen an. Woher hast du diese spannenden Informationen?

 

Luise Wehmeyer:

Vor allem aus meiner Recherche im Stadtarchiv. Dabei bin ich unter anderem auf eine vom Bürgermeister verfasste statistische Darstellung der Stadt Bochum gestoßen. Ich habe uns daraus mal ein Zitat des Bochumer Bürgermeisters Greve mitgebracht, der schon 1863 die ansteigende Prostitution kritisierte.

 

„Nach der letzten Bevölkerungsaufnahme gab es für über 1000 Personen männlichen Geschlechts mehr, als Personen weiblichen Geschlechts.- Die ersteren gehören fast alle dem reiferen Jünglings und dem kräftigen Mannesalter an, -sind meist unverehelicht oder leben getrennt von ihren in der Heimath zurückgebliebenen Frauen, und verdienen durchgängig einen für ihre Verhältnisse hohen Lohn. – Es ist dadurch der Prostitution ein ergiebiges Feld dargeboten und es kann daher nicht befremden, wenn dieselbe auch hier weitere Verbreitung findet, als man solches unter den früheren Verhältnissen gewohnt war“

 

Luise Wehmeyer:

Durch den immer weiter ausufernden öffentlichen Betrieb der Prostitution entstand auf Seiten der Stadt ein starkes Kontrollbedürfnis. Aus diesem Bedürfnis heraus führten viele Ruhrgebietsstädte um 1900 Kontrollstraßen ein.

[0:03:19–0:07:00]

Entstehung des ersten Rotlichtbezirks

Paula Wrede:

Was genau hat so eine Kontrollstraße dann ausgemacht?

 

Luise Wehmeyer:

Unter Kontrollstraße verstand man eine von der Stadt festgelegte Straße, auf welche die Prostitution beschränkt und somit aus dem Stadtzentrum verdrängt werden sollte.

Genauer heißt das es wurde den Prostituierten vorgeschrieben wo sie zu arbeiten und zu wohnen hatten. Gründe die aus damaliger Sicht für diese räumliche Eingrenzung sprachen, waren neben der Bekämpfung von Krankheiten, der Schutz von Kindern und vermeintlich anständigen Menschen, aber auch die Sicherheit der Prostituierten selbst.

Diese Sorge um die Prostituierten scheint jedoch bei völliger Fremdkontrolle, welche sie zu hilfsbedürftigen Objekten degradierte, nicht sehr glaubwürdig. Denn die allgemeine gesellschaftliche Meinung zur Prostitution war deutlich negativer geprägt, als der neutrale Verwaltungsbericht des Bürgermeisters es suggeriert.

 

Paula Wrede:

Richtete die Stadt Bochum denn auch so eine Straße ein?

 

Luise Wehmeyer:

Ja. In Bochum richtete die Stadtregierung, nachdem die Stadt im Jahr 1904 durch die Eingemeindung Hammes zur Großstadt wurde, ebenso eine Kontrollstraße ein. Die gezielte Einrichtung dieser Straße kann als Entstehung des ersten Rotlichtbezirks Bochums gewertet werden.

Bevor wir gleich zur genauen Lage und zu dem Grund für die Ansiedlung an dieser Stelle kommen, möchte ich noch einmal auf etwas hinweisen:

Mir bleibt die Einbeziehung der Perspektive der Prostituierten auf Grund von mangelnden Selbstzeugnissen leider verwehrt. Meine Informationen beziehe ich also aus öffentlichen Verkündungen in Zeitungen oder aus Zeugnissen aus Politik sowie Verwaltung in Bochum. Nun zurück zum ersten Rotlichtbezirk von Bochum, dieser wurde in der heutigen Sophienstraße in Hamme angesiedelt.

 

Paula Wrede:

Das bedeutet, die Straße hieß früher anders als heute?

 

Luise Wehmeyer:

Ja genau. Spannend ist, dass die Einrichtung der Kontrollstraßen meist mit einer Umbenennung dieser einherging.

An dieser Stelle möchte ich gerne einmal auf die Arbeit des Madonna Archivs hinweise, welches mir besonders durch die Masterarbeit von Claudia Liedtke sehr hilfreiche Anregungen geliefert hat.

Nach Liedtkes Vermutungen ist anzunehmen, dass für die Umbenennung vor allem die Notwendigkeit sprach den neu erschaffenen Raum auch als solchen zu markieren.

Die neu gewählten Straßennamen waren unverfänglich und stellten keinen Bezug zur Prostitution oder der Geschichte der Straße her. So hießen sie beispielsweise „Kurze Straße“, „Linienstraße“ oder „Im Winkel“.

In Bochum jedoch trug die Straße schon vor der Einrichtung des Sperrbezirks den Namen „Kurze Straße“. Sie wurde allerdings spätestens ab dem Jahr 1922 auf der Karte als Sophienstraße geführt, vermutlich aus den oben genannten Gründen der Verfremdung.

Schaut man sich die Straße auf einem zeitgenössischen Stadtplan von 1906 an, so fällt einiges auf.

Vor allem bin ich während meiner Recherche darauf aufmerksam geworden, dass die Kurze Straße als einzige Straße nicht in der, der Legende entsprechenden orangenen Farbe für Straßen und Wege, gekennzeichnet ist. Stattdessen ist sie weiß.

 

Paula Wrede:

Wie ungewöhnlich. Welche Ursache könnte die Abweichung haben?

 

Luise Wehmeyer:

Zum jetzigen Zeitpunkt habe ich aus den Quellen leider keine eindeutige Begründung dafür finden können. Auf meine Nachfrage im Stadtarchiv Bochum und beim Katasteramt wurde mir gesagt, dass es sich dabei wahrscheinlich um einen zufälligen Zeichenfehler handle. Dass kann natürlich sein, vielleicht steckt aber auch mehr dahinter. Denn das gerade bei dieser Straße ein Fehler passiert, wäre meiner Meinung nach wirklich ein großer Zufall.

 

Paula Wrede:

Das klingt wirklich spannend, vielleicht können uns ja eventuell Hörer:innen weiterhelfen? Die Karte haben wir euch in den Shownotes bei den Quellen verlinkt. Falls ihr Ideen zur Aufklärung habt meldet euch gerne bei uns!

 

Luise Wehmeyer:

Ja das würde mich wirklich freuen, wenn wir da noch Konkreteres herausfinden würden!

Eine weitere Auffälligkeit der Lage ist, dass sich hinter der Kontrollstraße die Rheinische Bahnstrecke und in unmittelbarer Nähe mehrere Industriebetriebe mit tausenden Arbeitern befanden. Diese strategischen Vorteile, also die Nähe zum Fernverkehr und der potenziellen Kundschaft haben das Gewerbe angekurbelt. Die Tatsache, dass das Gebiet an der ehemaligen Stadtgrenze lag, war ebenfalls gut durchdacht. Denn dadurch sollte der „anständige“ Bürger im Stadtkern nicht weiter belästigt werden und das vermeintliche „Problem“ aus dem Stadtbild verdrängt werden.

[0:07:00–0:08:52]

Beteiligung Bochumer Vereine

Paula Wrede:

Das heißt der Bergbau hat vor allem durch die Auswirkungen, die er auf die gesellschaftliche und städtebauliche Entwicklung Bochums hatte, zu der Entstehung des Rotlichtviertels beigetragen. Aber wer hat schlussendlich entschieden den Bezirk an dieser strategisch durchdachten Stelle einzurichten?

 

Luise Wehmeyer:

Entschieden hat das in Bochum der Magistrat. Als Magistrat bezeichnet man die Regierung einer Stadt. Diese besteht aus Bürgermeister*in sowie ehrenamtlichen und hauptamtlichen Beigeordneten.

Um 1900 waren in dieser kommunalpolitischen Instanz viele Vertreter der ansässigen Industrieunternehmen aktiv. Auch in dieser Tatsache kann man eine Folge des Bergbaus erkennen. Denn die Industrialisierung hat diese neue Oberschicht aus reichen Unternehmern hervorgebracht. Diese Führungskräfte der Industriekonzerne hatten seit den 1870er großen Einfluss auf die Politik und setzten dort ihre Interessen durch. Dafür gründeten sie Interessenverbände und zeigten großen persönlichen Einsatz.

Ich habe mir diesen Umstand genauer am Beispiel des Bochumer Vereins angeschaut. Der Bochumer Verein war ein Montankonzern, der 1854 gegründet wurde und mehrere Stahlwerke und Zechen umfasste. Bekannt war der Konzern vor allem für seine Stahlglocken.

 

Paula Wrede:

Die Bochumer*innen kennen vielleicht die Stahlglocke auf dem Rathausplatz. Diese Glocke wurde vom Bochumer Verein gefertigt. Aber das war sicher nicht der Grund warum du den Bochumer Verein stellvertretend für die Industrieelite ausgewählt hast, oder?

 

Luise Wehmeyer:

Nee. Den Bochumer Verein habe ich ausgewählt, da er unmittelbar an den lokalpolitischen Entscheidungsprozessen beteiligt war und auch direkt von den Entscheidungen betroffen war.  Dass der Bochumer Verein auch vom Magistrat selbst als wichtiger Einfluss für die Stadt Bochum wahrgenommen wurde, zeigt folgendes Zitat aus dem Verwaltungsbericht von 1904 sehr deutlich:

 

Verwaltungsbericht 1904:

„Es bedarf hier wohl kaum der allgemein bekannten Erwähnung, welchen Einfluß dieses bedeutende weltbekannte Werk auf das Emporblühen und die Entwicklung unserer Stadt ausgeübt hat, und welche Rolle es auch jetzt noch und hoffentlich für alle Zeit für uns spielen wird“.

[0:08:52–0:13:21]

Verlegung des Rotlichtviertels

Paula Wrede:

Das klingt ja wirklich sehr überzeugt! Kann man denn sagen, dass der Bochumer Verein auch im weiteren Verlauf starken Einfluss auf die Entwicklung des Rotlichtbezirks von Bochum hatten?

 

Luise Wehmeyer:

Um diese Frage zu beantworten, lohnt es sich etwas weiter auszuholen und die Umstände der Verlegung des Rotlichtbezirks im Jahr 1912 genauer zu betrachten.

Der an der Kurzen Straße eingerichtete Bezirk fand recht schnell großen Anklang. Auch wenn dadurch nicht das gänzliche Verschwinden der Prostitution aus der Stadtmitte eintrat, so erfüllte die Maßnahme ihren erhofften Zweck. Allerdings ergab sich durch die baulichen Gegebenheiten der Kontrollstraße und ihrer Umgebung ein neues Problem.

 

Paula Wrede:

Wie sah dieses Problem konkret aus?

 

Luise Wehmeyer:

Auf Grund der nur einseitigen Bebauung der Straße standen den steigenden Zahlen an Prostituierten und deren Kunden zu wenig Häuser zur Verfügung. Als Folge dessen breitete sich die Anwerbung auf die umliegenden Straßen aus und auch die Dienstleistung fand teilweise für alle sichtbar im öffentlichen Raum statt.

Damit waren die im Viertel wohnenden Arbeiterfamilien und auch die Besitzer der Mietshäuser überhaupt nicht einverstanden. Die Besitzer fürchteten um eine Minderung des Wohnwerts und die Familien um die Sicherheit ihrer Kinder, es häuften sich die Beschwerden. Hier ein Beispiel aus einem Zeitungsartikel des Märkischen Sprechers vom 17. November 1908:

„Es wurde inbezug auf letztere [gemeint ist die Kurze Straße]festgestellt, daß die Kasernierung der Prostitution durch die Verhältnisse, wie sie in den letzten Monaten hier eingetreten, illusorisch geworden sei. Zurzeit belästigten und gefährdeten die Prostituierten, die freien sowie die kasernierte, die Bürger in der bedenklichtsten Weise.“

 

Luise Wehmeyer:

Es blieb dem Magistrat also nichts anderes übrig als sich dem Problem erneut anzunehmen. In geheimen Sitzungen besprachen sich die Verantwortlichen und suchten nach Lösungen. Aus den Protokollen geht hervor, dass unter ihnen auch Herr Dr. Wilhelm Baare war. Baare war Stellvertreter des Generaldirektors des Bochumer Vereins. Er engagierte sich im Recherchezeitraum sowohl in der Stadtverordnung als auch im Magistrat.

Nach einiger Zeit der Beratung wurde 1912 der Öffentlichkeit der Beschluss mitgeteilt, dass das Viertel in die „Kleine Maarbrückerstraße“ verlegt werden würde. Wie diese Entscheidung im Detail im Magistrat besprochen wurde, konnte ich leider aus den mir vorliegenden Quellen nicht erfahren.

 

Paula Wrede:

Und wo kommt da der Herr Dr. Baare ins Spiel? Hast du über ihn und sein Engagement noch mehr herausfinden können?

 

Luise Wehmeyer:

Tatsächlich ist bekannt, dass Dr. Baare ausdrücklich gegen den neuen Standort des Rotlichtbezirks in der Straße, die zu diesem Zweck zu „Im Winkel“ benannt wurde, war. Laut dem Lokalhistoriker Hans Joachim Krepke stimmte er in der Magistratssitzung dagegen. Zusätzlich bildete er die Spitze einer Protestbewegung. Diese Bewegung bestand aus unterschiedlichsten Menschen aus dem von der Verlegung des Prostitutionsgewerbes betroffenen Stadtviertel.

Grund für seine Ablehnung war neben der vermeintlich drohenden Gefahr für die im Umfeld wohnenden Arbeiterkinder, vor allem die direkte Nähe zum Gelände des Bochumer Vereins. Trotz der Proteste von Baare und seinen Mitstreitern wurde der Plan des Magistrats schließlich umgesetzt. Die Protestschreiben an die Polizei, den Magistrat und die Bezirksregierung in Arnsberg wurden einstimmig abgelehnt. Das lässt vermuten, dass alle Instanzen schon im Vorhinein ihre Zustimmung gegeben hatten.

 

Paula Wrede:

Das zeigt ja ziemlich eindrücklich, wie wenig der Bochumer Verein an dieser Stelle mitentscheiden durfte.  Warum wurde denn der Standort „Im Winkel“ ausgewählt und so stark verteidigt?

 

Luise Wehmeyer:

Für die Ansiedlung des Rotlichtquartiers am Standort „Im Winkel“ sprach vor allem die bauliche Besonderheit und die Lage der Straße.

Guckt man auf die Karte, so sieht man die Vorteile auf den ersten Blick. Einerseits ist die Straße in unmittelbarer Nähe zum Westbahnhof, damals noch Bahnhof Gußstahlfabrik, gelegen. Zusätzlich ist die Bochumer Innenstadt fußläufig zu erreichen. Andererseits, was besonders zu beachten gilt, ist die Straße eine Sackgasse.

Der neue Standort lieferte dadurch eine Lösung zum Problem der Ausbreitung. In der Straße gibt es reichlich Häuser und kleine Gässchen also viel Platz für alle Akteur:innen. Ebenfalls bildet die Sackgasse eine natürliche Begrenzung und verhindert, da sie keine Verbindungsstraße darstellt, das zufällige Passieren des Quartiers. Ein weiterer Vorteil der Straße, welcher mit der Nähe zur Innenstadt zusammenhing, waren die umliegenden Amüsierbetriebe. In nächster Nähe befanden sich Kinos, Gastwirtschaften sowie Tanzlokale, welche zusätzliche Kundschaft versprachen.

Betrachtet man die Straße nun im Vergleich zum vorherigen Standort, so vereinen beide die Nähe zur Infrastruktur und der potenziellen Kundschaft – den Industriearbeitern.

Diese Begebenheiten boten logische Gründe für eine Ansiedlung an diesem Standort und stellen aus meiner Sicht auch die Begründung für das Bestehen bis heute dar.

[0:13:21–0:16:08]

Outro und Schlussbemerkung

Paula Wrede:

Das ist ja ein wirklich wichtig zu erwähnender Punkt, dass sich das Viertel heute immer noch an der Stelle befindet, an die es 1912 verlegt wurde.

 

Bevor wir uns verabschieden und ich noch einen kleinen Ausblick auf die nächste Folge gebe. Gib uns doch in einer Schlussbemerkung bitte noch einmal eine Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse deiner Recherche.

 

Luise Wehmeyer:

Sehr gerne.

Insgesamt haben sich 5 Folgen des Bergbaus in meiner Recherche als zentral rausgestellt:

  1. Langfristige sozial-strukturelle Veränderungen

Durch die Industrialisierung und den damit verbundenen wirtschaftlichen Aufschwung kam es zu einer dauerhaften Veränderung der sozialen Strukturen in Bochum. Dies zeigt sich unter anderem in der Etablierung des ersten Rotlichtviertels.

  1. Prostitution als soziales Nebenprodukt

Die Entstehung des ersten Rotlichtviertels ist ein direktes Ergebnis der Beschäftigung männlicher Arbeitskräfte und des wirtschaftlichen Aufschwungs und somit ein Nebenprodukt des Bergbaus.

  1. Regulierung der Folgen des Bergbaus

Die Einführung von Kontrollstraßen zur Regulierung der Prostitution zeigt, wie die Stadt versuchte, die gesellschaftlichen Herausforderungen des Bergbaus zu steuern. Die getroffenen Maßnahmen zeigen, dass die Verantwortlichen die Prostituierten nicht als Akteurinnen, sondern als Objekte betrachteten.

  1. Einfluss der lokalen Industriekonzerne

Der Bochumer Verein als Vertreter der Industrie prägte nicht nur die wirtschaftliche Landschaft, sondern auch die Stadtpolitik.

  1. Kulturelles Erbe des Rotlichtviertels

Das Rotlichtviertel existiert bis heute an dem Standort, der 1912 festgelegt wurde. Damit ist es ein bisher eher unsichtbares Zeichen der historischen Auswirkungen des Bergbaus auf das Stadtbild und die Gesellschaft, welches ich sichtbar machen möchte.

 

Paula Wrede:

Vielen Dank für die interessanten Einblicke! Die haben meine Sicht auf den Bergbau und seine Folgen, um eine neue Perspektive bereichert.

Ich freue mich schon sehr auf die nächste Folge, in der es um eine weitere bisher eher unsichtbare Arbeit der Frauen rund um den Bergbau geht. Marie Trendelenburg wird uns spannende Einblicke in ihre Recherche zu den Waschfrauen geben.

In den Shownotes findet ihr alle verwendeten Quellen, Literatur sowie weiterführende Hinweise. Ebenso gelangt ihr über die dort angegeben Links zu unserer Website und unserem Social Media.

Vielen Dank fürs Zuhören und bis nächste Woche!

Quellen

Protokollbuch des Magistrats Bd. 10; 8.11.1911 bis 2.4.1913, Stadtarchiv Bochum, B 1763.

 

Statistische Darstellung der Stadt Bochum, Stadtarchiv Bochum, LA 757, Bl. 49.

 

Stadtplan Bochum 1897, URL: https://geoportal.bochum.de/mapapps/resources/apps/stadtgeschichte/index.html?lan g=de&vm=2D&s=25000&r=0&c=376795%2C5703636&l=grp_luftbilder%2C grp_stolpersteine (zuletzt aufgerufen am 16.03.2026).

 

Stadtplan Bochum 1906, URL: https://geoportal.bochum.de/mapapps/resources/apps/stadtgeschichte/index.html?lan g=de&vm=2D&s=25000&r=0&c=376795%2C5703636&l=grp_luftbilder%2C grp_stolpersteine (zuletzt aufgerufen am 16.03.2026).

 

Stadtplan Bochum 1911, URL: https://geoportal.bochum.de/mapapps/resources/apps/stadtgeschichte/index.html?lan g=de&vm=2D&s=25000&r=0&c=376795%2C5703636&l=grp_luftbilder%2C grp_stolpersteine (zuletzt aufgerufen am 16.03.2026).

 

Stadtplan Bochum 1922, URL: https://geoportal.bochum.de/mapapps/resources/apps/stadtgeschichte/index.html?lan g=de&vm=2D&s=25000&r=0&c=376795%2C5703636&l=grp_luftbilder%2C grp_stolpersteine (zuletzt aufgerufen am 16.03.2026).

 

Verwaltungsbericht des Magistrats der Stadt Bochum 1904, Stadtarchiv Bochum, ZK 1, Bl. 5.

Literatur

Abrams, Lynn: Zur Entwicklung einer kommerziellen Arbeiterkultur im Ruhrgebiet (1850-1914) in: Kift, Dagmar (Hg.): Kirmes-Kneipe-Kino. Arbeiterkultur im Ruhrgebiet zwischen Kommerz und Kontrolle (1850-1904), Paderborn 1992, S. 33-59.

 

Gawehn, Gunnar; Rudzinski, Marco: Industrielle Revolution und die Entstehung des Ruhrgebiets, in: Tenfeld, Klaus; Urban, Thomas (Hgg.): Das Ruhrgebiet. Ein historisches Lesebuch, Essen 2010, S. 177-181.

 

Kreppke, Hans Joachim: „Die öffentliche Unsittlichket frißt an dem Mark unseres Volkes“, in: Bochumer Zeitpunkte 20 (2007), S. 26 -38.

 

Linse, Ulrich: „Animierkneipen“ um 1900. Arbeitersexualität und bürgerliche Sittenreform in: Kift, Dagmar (Hg.): Kirmes-Kneipe-Kino. Arbeiterkultur im Ruhrgebiet zwischen Kommerz und Kontrolle (1850-1904), Paderborn 1992, S. 83-118.

 

Liedkte, Claudia: Zwischen Reglementierung und Widerstand. Prostitution im Ruhrgebiet um 1900, unveröffentlichte Masterarbeit, eingereicht an der Ruhr Universität Bochum, Bochum 2020.

 

Michels, Barbara: Oberschicht, wirtschaftliche Führungsgruppen und industrielle Interessenpolitik, in: Tenfeld, Klaus; Urban, Thomas (Hgg.): Das Ruhrgebiet. Ein historisches Lesebuch, Essen 2010, S. 341-345.

 

Mittag, Jürgen: Vom Dorf zur Großstadt. Industrialisierung, Bevölkerungswachstum und Eingemeindungen in Bochum und dem Ruhrgebiet, in: Mittag, Jürgen; Wölk, Ingrid (Hgg.): Bochum und das Ruhrgebiet. Großstadtbildung im 20. Jahrhundert, Essen 2005, S. 25-78.

 

Posthoff, Barbara: Prostitution in Dortmund von 1870 bis 1930, in: Gisela Framke (Hg.): 8 Stunden sind kein Tag. Freizeit und Vergnügen in Dortmund 1870 bis 1939, Heidelberg 1993, S. 91-99.

 

Rudzinski, Marco: Ein Unternehmen und „seine“ Stadt. Der Bochumer Verein und Bochum vor dem Ersten Weltkrieg, Essen 2012.

Credits

Website: ⁠AKTIV die Folgen des Ruhrbergbaus aufarbeiten⁠⁠

Instagram: ⁠@aktiv_geschichte⁠

Projektleitung: ⁠Jana Lena Jünger⁠⁠ & ⁠⁠Dr. Stefan Zeppenfeld⁠⁠

Arbeitsbereich ⁠Didaktik der Geschichte & Public History⁠ des Historischen Instituts der Ruhr-Universität Bochum

Förderung: ⁠Stiftung Innovation in der Hochschullehre⁠

Produktion & Schnitt: Luise Wehmeyer

Grafikdesign: ⁠d-a-m-k Büro für Gestaltung⁠

Sprecherin: Isabelle Klein

Intro/Outro: Romantic Piano Intro Ident / BreakzStudios

Trenner: Advertising Logo / Universfield

Weitere Folgen

  • Cover Revierrelikte Staffel 1
    Pilotfolge. AKTIV stellt sich vor
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