BegrĂŒĂung
Henning Schmitt:
Herzlich Willkommen zur neuen Folge bei âRevierrelikte – Ruhrgebiet im Wandelâ. Ich heiĂe Henning Schmitt und darf diese Folge moderieren. Wir befinden uns geografisch heute in der Siedlung Dahlhauser Heide mitten in Bochum. Neben mir sitzt Louisa Sobota. Louisa, du hast dich intensiv mit der Siedlung beschĂ€ftigt. Was fĂŒr ein Ort ist das eigentlich?
Louisa Sobota:
Hi, ich freue mich auch. Die Dahlhauser Heide ist eine ehemalige Zechensiedlung. Sie wurde fĂŒr Bergarbeiter und ihre Familien 1906 gebaut und ist bis heute gröĂtenteils in ihrem ursprĂŒnglichen Charakter erhalten: Einheitliche HĂ€user, mit kleinen optischen Abweichungen. Gleichzeitig ist der Bergbau, in dessen Rahmen die Siedlung entstanden ist, lĂ€ngst vergangen. Deshalb habe ich mir die Frage gestellt: Was bleibt von einer Zechensiedlung, wenn der Bergbau verschwunden ist?
Henning Schmitt:
Dieser Frage werden wir heute nachgehen. Du hast ja auch einen persönlichen Bezug zu diesem Ort. Möchtest du das einmal erzÀhlen?
Louisa Sobota:
Genau, meine GroĂeltern haben selber in einem Haus der Dahlhauser Heide gewohnt. Mein Opa war Bergmann und hat das Haus gemeinsam mit meiner Oma 1980 erworben. Ich selber habe meine Kindheit zum Teil dort verbracht und habe deshalb schon frĂŒher einen Einblick in das Leben dort bekommen. Das Thema habe ich mir deshalb erstmal aus persönlichem Interesse herausgesucht. Im Laufe der Forschung wurde mir klar, dass die Frage âWas bleibt von einer Zechensiedlung?â facettenreich beantwortet werden kann und zum Teil vielleicht doch offen bleibt.
Henning Schmitt:
Das werden wir heute sehen, inwiefern diese Frage beantwortet wird. Magst du uns eine kurze atmosphÀrische Einstimmung in den Ort geben?
Louisa Schmitt:
Die Dahlhauser Heide finde ich persönlich sehr charakteristisch: In verwinkelten StraĂen stehen hier DoppelhaushĂ€lften, die in Hausgruppen angeordnet sind. Die HĂ€user haben stark heruntergezogene DĂ€cher, kleine FensterlĂ€den und sind in gedeckten Farben wie Brauntönen gestaltet. Der vorherrschende Bautyp ist das Zweifamilienhaus und besteht heutzutage aus KĂŒche und Wohnzimmer, sowie zwei Schlafzimmern im Obergeschoss. Jedes Haus hat einen Hintergarten. FrĂŒher waren das NutzgĂ€rten, fĂŒr Viehhaltung und Eigenanbau. Die HĂ€user wurden im Stil des westfĂ€lischen Bauernhauses gebaut.
Die Entstehung der Siedlung
Henning Schmitt:
Warum wurden solche Zechensiedlungen ĂŒberhaupt gebaut?
Louisa Sobota:
Das hĂ€ngt eng mit der Industrialisierung zusammen. Ab etwa den 1890er Jahren, mit dem Aufbau der GroĂzechen, zogen zehntausende ArbeitskrĂ€fte ins Ruhrgebiet. Eine Folge war massiver Wohnraummangel. Die Zechen wollten durch attraktiven Wohnraum ihre Arbeiter sesshaft machen und an den Betrieb binden. So entstanden Bergarbeitersiedlungen. Meist in direkter NĂ€he zur Zeche.
Henning Schmitt:
Davon habe ich schonmal gehört. HÀufig trieb doch die Firma Krupp solche Bauvorhaben voran, oder?
Louisa Sobota:
Richtig. Auch die Dahlhauser Heide ist ein Kruppâsches Projekt. Das ehemalige Rittergut Dahlhausen war ab 1321 in Besitz des gleichnamigen Adelsgeschlechts. Im Jahr 1802 kaufte die Familie SchragmĂŒller das 120 Hektar groĂe Gut, die daraus eine Zechensiedlung bauen lieĂen. 1872 kaufte die Friedrich Krupp AG bereits die nahegelegenen Zechen Hannover und Hannibal und schlieĂlich die Dahlhauser Heide. Zwischen 1906 und 1915 entstand eine Siedlung mit rund 700 Wohneinheiten. Bewohnerinnen und Bewohner durften ausschlieĂlich die Arbeiter der Zechen der Firma Krupp und ihre Familien sein.
Henning Schmitt:
Warum entschied man sich denn fĂŒr den Stil von BauernhĂ€usern, wenn die Bewohnerinnen und Bewohner Bergarbeiter waren?
Louisa Sobota:
Viele Bergarbeiter waren ursprĂŒnglich Bauern. Man wollte ihnen eine vertraute Umgebung und die Möglichkeit bieten, sich selbst zu versorgen.
Die kleinen Anbauten zwischen den HĂ€usern, in denen heute oft KĂŒche oder Bad sind, waren frĂŒher StĂ€lle fĂŒr Vieh. Badezimmer gab es meist gar nicht, lediglich eine Toilette im Stall. Der Entwurf stammt von Robert Schmohl, dem langjĂ€hrigen Leiter des Kruppâschen BaubĂŒros. Er plante zwischen 1893 und 1908 auch Siedlungen wie die Margaretenhöhe, Altenhof I und II in Essen oder die Beisenkampsiedlung in Datteln.
Henning Schmitt:
Wenn man sich das vorstellt: Ă€hnliche HĂ€user, gleich groĂe GĂ€rten, ĂŒberall Familien mit Ă€hnlichen Lebensbedingungen. Da muss es doch ein starkes GemeinschaftsgefĂŒhl gegeben haben?
Louisa Sobota:
Das habe ich mir auch gedacht. Eine mögliche Antwort habe ich in der baulichen Struktur gefunden, die darauf ausgelegt war. Die GĂ€rten lagen abgeschirmt hinter den HĂ€usern, von der StraĂe aus nicht einsehbar. Zwischen den GĂ€rten gab es oft nicht einmal ZĂ€une. Man sollte selbst anbauen, sich gegenseitig helfen auch bei handwerklichen Arbeiten. Auch infrastrukturell war die Siedlung weitestgehend eigenstĂ€ndig: Es gab dort zwei KindergĂ€rten und Schulen sowie eine Bierhalle.
Henning Schmitt:
Und damit wurde sicher auch die Bindung an die Zeche und an die Firma gestÀrkt.
Louisa Sobota:
Absolut. Das bedeutete aber auch Kontrolle seitens der Firma Krupp. Wer seinen Arbeitsplatz verlor, verlor auch das Recht in der Siedlung zu wohnen. Man durfte auĂerdem keine sozialdemokratischen Zeitungen besitzen â diese thematisierten unter anderem Arbeiterbewegungen, was von vielen Unternehmen als Bedrohung wahrgenommen wurde. Wenn die politische Aufsicht der Siedlung das mitbekam, drohte die KĂŒndigung. DarĂŒber konnte ich allerdings leider wenig finden.
Henning Schmitt:
Interessant. Die Arbeitersiedlung fungierte also auch als Instrument der Kontrolle. Wie war das soziale Zusammenleben zwischen den Bewohnerinnen und Bewohnern denn so?
Louisa Sobota:
Auch hier herrschte wenig PrivatsphĂ€re. Streit oder Freude konnte man voreinander kaum verstecken, was vor allem den offenen GĂ€rten geschuldet war. TagsĂŒber kĂŒmmerten sich meist die Frauen um die Nachbarschaftspflege, Haushalt und Kinder. Die MĂ€nner trafen sich sowieso tĂ€glich bei der Arbeit. Diese Strukturen verĂ€nderten sich jedoch im Laufe der Montankrise der 1950er Jahre.
Sanierung und Erinnerungspolitik
Louisa Sobota:
Nach dem zweiten Weltkrieg gab es ĂŒber 50 Wiederherstellungen von zerstörten ZechenhĂ€usern in der Dahlhauser Heide. In den 1950er Jahren geriet der Ruhrbergbau in eine wirtschaftliche Krise. In dieser Zeit erlebten auch die Zechensiedlungen schwierige Zeiten. Viele Siedlungen waren stark sanierungsbedĂŒrftig, so auch die Dahlhauser Heide. Die Folge waren Abrisse und ModernisierungsmaĂnahmen, die den einheitlichen Charakter dieser Siedlungen zerstörten. Seit dem Beginn der Montankrise wurden bis 1972 von rund 2000 Zechensiedlungen etwa die HĂ€lfte abgerissen.
Henning Schmitt:
Wie kam es dazu, dass die Siedlung erhalten wurde?
Louisa Sobota:
In Oberhausen bildete sich 1972 in der Zechensiedlung Eisenheim eine BĂŒrgerinitiative. Auch diese Siedlung sollte abgerissen werden. Durch Protest und mit UnterstĂŒtzung der Ăffentlichkeit, unter anderem durch Stadtplaner und Sozialwissenschaftler, wurde die Siedlung saniert und unter Denkmalschutz gestellt. Das löste eine BĂŒrgerinitiative in rund 50 Arbeitersiedlungen im Ruhrgebiet aus, die fĂŒr den Erhalt der ursprĂŒnglichen Siedlungen kĂ€mpften. In der Dahlhauser Heide gab es zwar nicht direkt so eine Initiative, jedoch wuchs dadurch das Bewusstsein ĂŒber den Erhalt historischer Siedlungen. Hier kĂŒmmerten sich einige Familien bereits selbst um die heruntergekommenen HĂ€user und gestalteten sie individuell. 1978 verkaufte Krupp die Siedlung an die Stadt Bochum. Die beauftragte die Vereinigte Bochumer Wohnungsgesellschaft mbH, den gröĂten Wohnungsanbieter in Bochum, damit, die Sanierung zu bewirtschaften. Das Ziel war, den ursprĂŒnglichen Charakter nach der Idee der westfĂ€lischen BauernhĂ€user wiederherzustellen. ZusĂ€tzlich wurden die HĂ€user privatisiert, also an die Bewohnerinnen und Bewohner oder ihre Angehörigen unter Zustimmung zur Sanierung verkauft.
Henning Schmitt:
Ich habe hier gerade einen Artikel aus der Westdeutschen allgemeinen Zeitung aus dem Jahr 1977 vor mir. Der Titel lautet:
âGern 15 Jahre frĂŒher die Freude gehabtâ. Ein Knappschaftsrentner, Herr Wegemann, sagt darin:
âVorher hat Krupp wenig getan, um das Haus zu erhalten.â
Weiter steht dort, dass viele KĂ€uferinnen und KĂ€ufer bereits rund 40 Jahre hier gewohnt haben und nun das Haus als Erbe fĂŒr ihre Kinder kauften.
Louisa Sobota:
Das ist leider die RealitĂ€t gewesen. Durch die AbhĂ€ngigkeit der Arbeiter und ihrer Familien an die Firma, war es noch nicht notwendig fĂŒr Krupp zu handeln. Erst durch den Druck im Zuge des Strukturwandels und der daraus resultierenden SchlieĂung der umliegenden Zechen Hannover und Hannibal 1973, musste die Firma sich damit auseinandersetzen.
Henning Schmitt:
Wenn wir schon so genau darĂŒber sprechen, was hat die Sanierung eigentlich konkret mit dem Thema zu tun?
Louisa Sobota:
Im Zuge der Sanierung legte die Stadt Bochum eine Gestaltungssatzung und einen Bebauungsplan fest.
Diese regeln bis heute sehr detailliert, was an Hausfassaden, Fenstern, DĂ€chern, TĂŒren, Anbauten und sogar VorgĂ€rten verĂ€ndert werden darf und was nicht. 2013 gab es erste Ănderungen in technischen Vorgaben, 2016 dann eine gröĂere Ăberarbeitung und 2025 nochmal ein paar Anpassungen. Ziel war und ist es, das Siedlungsbild nachhaltig zu sichern und gleichzeitig einen zeitgemĂ€Ăen Wohnstandard zu ermöglichen.
Henning Schmitt:
Man entschied sich also bewusst dafĂŒr, das optische Bild einer Zechensiedlung wiederherzustellen, obwohl der ursprĂŒngliche Zweck langsam verschwand:
NutzgĂ€rten fĂŒr ehemalige Bauern, Selbstversorgung, Kontrolle der Arbeiterfamilien.
Louisa Sobota:
Ja, und hier mĂŒssen wir jetzt genauer hinschauen, was von der bergbaulichen Lebensweise eigentlich erhalten bleiben kann. In den 1980er Jahren waren die Familien gröĂtenteils nicht mehr auf Selbstversorgung angewiesen. Es gab ausreichend Einkaufsmöglichkeiten, eine bessere Infrastruktur und eine gute Anbindung an die Innenstadt.
Henning Schmitt:
Die Bewohnerinnen und Bewohner zogen sich also zunehmend zurĂŒck.
Louisa Sobota:
Ja. Mit der SchlieĂung der Zechen wurden auch die Lebensbedingungen immer unterschiedlicher. Die MĂ€nner trafen ihre Nachbarn nicht mehr tĂ€glich auf der Arbeit und die Familien lebten weniger in gemeinschaftlicher Zusammenarbeit. Manche Familien waren durch den sogenannten Strukturwandel und den damit verbundenen Arbeitsplatzverlust nun finanziell schlechter gestellt, andere Familien konnten sich beruflich umorientieren.
Das Leben in der Siedlung heute
Henning Schmitt:
Nun gibt es ja ein paar Ănderungen in der Gestaltungssatzung, die bis heute gilt. Wie genau sehen die aus?
Louisa Sobota:
Mit den SatzungsÀnderungen wurden einzelne Regelungen angepasst.
Heute darf zum Beispiel die farbliche Gestaltung der Fassaden abweichen, aber nur dann, wenn sie vom öffentlichen Raum aus nicht einsehbar sind. Das gilt fĂŒr alle optischen Erscheinungen, die von der Gestaltungssatzung abweichen.
Henning Schmitt:
Und farblich gibt es auch immer noch Vorgaben?
Louisa Sobota:
Ja, Farben mĂŒssen aus einem Farbkatalog gewĂ€hlt werden, mit ĂŒberwiegend gedeckten Tönen, und mit den direkten Nachbarn abgestimmt werden.
Henning Schmitt:
Und beim Thema Anpassung an standardgemĂ€Ăem Wohnen?
Louisa Sobota:
In der ursprĂŒnglichen Satzung von 1980 waren moderne Heizsysteme wie WĂ€rmepumpen noch nicht zulĂ€ssig. Seit der neuesten Satzung von 2025 dĂŒrfen Heizungen damit modernisiert werden. Auch SatellitenschĂŒsseln und Solaranlagen dĂŒrfen installiert werden, aber wieder nur dort, wo sie nicht öffentlich sichtbar sind.
Henning Schmitt:
Das heiĂt also: Die öffentlich sichtbaren Merkmale sollen weiterhin möglichst originalgetreu erhalten bleiben.
Louisa Sobota:
Genau, ein Fenster oder eine TĂŒr an einem neuen Platz oder nur ein falscher Farbton wĂ€re ein VerstoĂ dagegen.
Henning Schmitt:
Wie es sich damit lebt, ist natĂŒrlich fĂŒr AuĂenstehende wie mich schwer vorstellbar. Mich wĂŒrde interessieren, wie Bewohnerinnen und Bewohner das Leben heute dort empfinden.
Louisa Sobota:
Interessanterweise ist eine weit verbreitete Annahme, dass die Dahlhauser Heide unter Denkmalschutz stĂŒnde. Das ist aber nicht der Fall. Dass es diese Annahme gibt, liegt nicht zuletzt auch daran, dass auch Institutionen wie etwa die Route der Industriekultur, zu der die Dahlhauser Heide zĂ€hlt, das so reproduzieren. Was hier oft eigentlich gemeint ist, ist die Gestaltungssatzung und der Bebauungsplan, die die Siedlung unter einem ganz Ă€hnlichen Schutz stellen, wie wir gerade besprochen haben.
Um deine Frage zu beantworten, habe ich zwei Interviews mit einem Bewohner und einer Bewohnerin gefĂŒhrt:
Einmal mit Otto Weber, der seit 1982 hier lebt und sein ganzes Berufsleben im Bergbau gearbeitet hat. Und mit Kristina KrÀmer, die 2015 mit ihrer jungen Familie zugezogen ist und keinen persönlichen Bezug zum Bergbau hat.
O-Ton Otto Weber:
âDer Charakter der Siedlung ist zum GlĂŒck im GroĂen beibehalten worden, aufgrund der Tatsache, dass wir hier eine Sanierungssatzung haben. Es ist â ich glaube â schon ein bisschen distanzierter geworden. FrĂŒher war das ja auch so, dass die Leute, die hier gewohnt haben, die MĂ€nner fast alle auf der gleichen Zeche gearbeitet haben â der Zeche Hannibal oder Hannover. Von daher haben die meisten sich eben beruflich schon gekannt. Mittlerweile ist das so, dass von den ehemaligen Bewohnern hier eigentlich keiner mehr da ist, die hier gearbeitet haben auf der Zeche.â
O-Ton Kristina KrÀmer:
âWir wollten nicht unbedingt hier hin aber die Siedlung an sich ist natĂŒrlich schon und hat Charme und dann haben wir hier das Haus gefunden und gedacht â das passt. Es ist schon alles sehr sehr nett, gerade wenn du jetzt mit Kindern hier wohnst. Also wir haben den Kindergarten in der Siedlung â von hier zwei Minuten. Und aus dem Kindergarten wohnen auch quasi alle Leute hier in der Siedlung. Wir haben so viele Leute hier kennengelernt, auch fĂŒr die Kinder ist das einfach total schön. Die gehen raus, zwei Minuten entfernt wohnen hier Freunde und die können spielen â es ist schon total toll hier zu wohnen.â
 Â
Henning Schmitt:
Die beiden Stimmen zeigen ziemlich deutlich, wie unterschiedlich dieser Ort und die damit verbundene Geschichte heute wahrgenommen wird.
Louisa Sobota:
Genau und hier treffen nicht nur verschiedene Biografien aufeinander, sondern auch unterschiedliche Empfindungen darĂŒber, was dieser Ort eigentlich bedeutet. Beide finden jedoch den Charakter der Siedlung schĂŒtzenswert, auch wenn sie etwas anderes damit verbinden. ErzĂ€hlungen und Assoziationen mit der Geschichte des Ruhrgebiets bewegen sich oft in einem gröĂeren Deutungsrahmen, der dort sehr prĂ€sent ist. Die sogenannten MeistererzĂ€hlungen im Kontext des Bergbaus.
Das sind dominante Deutungsmuster, etwa das Narrativ ĂŒber die erfolgreiche Integration von Gastarbeitern, der erfolgreich gemeisterte Strukturwandel oder eben das harmonische, gemeinschaftliche und idyllische Leben in einer Zechensiedlung.
Henning Schmitt:
Ich vermute aber, nicht jeder muss sich mit den positiven Narrativen des Bergbaus identifizieren.
Louisa Sobota:
Genau. Generell wuchs das regionale Bewusstsein besonders nach dem Ende der Montanindustrie durch die Betonung von gemeinsamen Wurzeln und das Erleben einer wirtschaftlichen Transformation. Das erreicht emotional aber oft nicht die Leute, die diese Zeit nicht miterlebt haben.
Henning Schmitt:
Inwiefern betreffen dich diese ErzÀhlungen denn vielleicht auch selbst? Du hast ja einen persönlichen Bezug zur Dahlhauser Heide.
Louisa Sobota:
Ich verbinde mit der Siedlung natĂŒrlich persönliche Erfahrungen und Erinnerungen meiner Kindheit, die mich sicherlich in der Auswahl dieses Themas geprĂ€gt haben. Mein Opa, der ja selber Bergmann war, hat mir oft die Geschichten der harten aber schönen und kumpelhaften Zeit des Bergbaus erzĂ€hlt. Besonders deshalb ist es mir ein Anliegen, den Umgang mit der Erinnerung zu hinterfragen und eine differenzierte Geschichte dieser Siedlung transparent zu machen.
Henning Schmitt:
Es wird deutlich, dass die ErfahrungshintergrĂŒnde sehr individuell sind. Wie wird und kann in der Siedlung dann noch an den Bergbau erinnert werden?
Louisa Sobota:
Um das zu klĂ€ren, mĂŒssen wir uns jetzt einmal die Begriffe kommunikatives und kulturelles GedĂ€chtnis anschauen. Das kommunikative GedĂ€chtnis beruht auf Alltagskommunikation zwischen den Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, also den Menschen, die jenes Ereignis oder Geschichte, wie das Leben in einer Arbeitersiedlung, wirklich erlebt haben.
Henning Schmitt:
So wie Otto Weber, wenn er von seinen Erlebnissen erzÀhlt.
Louisa Sobota:
Ja. Das kollektive GedÀchtnis ist dahingegen institutionalisiert: Unter anderem durch Orte, die bewusst als TrÀger von Erinnerung erhalten werden sollen. Wie die Dahlhauser Heide. Aber: Jede Form des Erinnerns ist abhÀngig vom persönlichen Bezug zur Vergangenheit und wird aus den unterschiedlichen Perspektiven gebildet und bleibt wandelbar.
Henning Schmitt:
Diese Formen des GedÀchtnisses sind an einem Ort wie der Dahlhauser Heide, also auch schwierig voneinander zu trennen, da beides aufeinandertrifft.
Louisa Sobota:
Genau. Dieser Ort ist zwar ein Erinnerungsort des Ruhrbergbaus, aber gleichzeitig eine aktiv bewohnte Siedlung. Andere Erinnerungsorte des Ruhrgebiets sind ausschlieĂlich institutionalisiert und darauf ausgelegt dort Geschichte zu ErzĂ€hlen. Zum Beispiel das nahegelegene LWL-Museum Zeche Hannover. Die Siedlung ist auĂerdem in die Route der Industriekultur eingebunden, ist also touristisch mit anderen historischen Orten des Ruhrgebiets verbunden. Und deshalb ist es umso wichtiger herauszustellen, welche Geschichte hier erzĂ€hlt wird und wie die Menschen vor Ort sich dazu verhalten.
Die Zukunft der Siedlung
Henning Schmitt:
Gibt es denn hier einen Konflikt darin, dass die Siedlung Teil der Erinnerung und Gegenwart gleichzeitig ist?
Louisa Sobota:
Ja. Optisch verbleibt die Siedlung durch den Erhalt ihrer baulichen Struktur im kulturellen GedĂ€chtnis als Erbe der Montanindustrie. Dennoch wird die Siedlung dem standardgemĂ€Ăen Wohnen immer mehr angepasst, was die Gestaltungssatzung uns zeigt. Die Entwicklung der Siedlung mit ihren sozialen Strukturen, die Nutzung als Kontrollinstrument der Firma Krupp und die VerĂ€nderungen zum Ende der Montanindustrie verbleiben im kommunikativen GedĂ€chtnis. Das birgt die Gefahr einer Verzerrung.
Henning Schmitt:
Verstehe. Die Geschichte der Siedlung wird nicht vollstÀndig sichtbar.
Louisa Sobota:
Ja. Neben den HÀusern gibt es hier keine weitere sichtbare ErzÀhlung, beispielsweise in Form von Schrifttafeln.
Henning Schmitt:
Ich kann mir vorstellen, dass fĂŒr die Bewohnerinnen und Bewohner die Erinnerung an die Geschichte der Siedlung in Zukunft weniger von Bedeutung sein kann?
Louisa Sobota:
Im Interview kristallisierte sich die unterschiedliche Wahrnehmung davon bereits heraus. Otto Weber und Kristina KrÀmer haben jeweils einen ganz anderen Bezug zur Geschichte des Bergbaus und der Siedlung, was wir uns jetzt anhören.
O-Ton ristina KrÀmer:
âGrundsĂ€tzlich ist es mir tatsĂ€chlich egal. Also ich lebe hier gerne, aber jetzt nicht weil das eine Bergbausiedlung ist oder war. Also, einfach weil, an sich halt alles hier ganz nett ist, aber ob das jetzt weitergetragen wird oder nicht ist mir tatsĂ€chlich egal.â
O-Ton Otto Weber:
âObwohl ich ja jetzt schon ĂŒber zwanzig Jahre aus dem Beruf bin, fand ich das, wie damals die letzte Zeche geschlossen worden ist, schon irgendwie komisch, muss ich sagen. Und aus heutiger Sicht immer noch. Ich hab auch regelmĂ€Ăig immer noch so Treffen mit ehemaligen Arbeitskollegen, da sind solche Themen immer noch aktuell. Also mittlerweile â manche Sachen, wenn man die so auch im Fernsehen manchmal sieht, da wird, meiner Meinung nach, zu theatralisch dargestellt. Wir hatten zwar miteinander ein gutes VerhĂ€ltnis gehabt, aber wir haben uns auch gezofft unter Tage und waren nicht immer einer Meinung, aber letzten Endes war es so, dass wir zusammen gehalten haben. Es gab auch viele negative Sachen. Die gesamten ArbeitsverhĂ€ltnisse unter Tage waren nicht besonders schön. Das fĂ€ngt ja schon damit an, dass man acht Stunden kein Tageslicht sieht. Dann die klimatischen VerhĂ€ltnisse â der Staub, der Dreck und solche Sachen.â
Â
Louisa Sobota
Die Interessen sind unterschiedlich und die Frage bleibt: Wie kann man der Geschichte der Siedlung und den Bewohnerinnen und Bewohnern gleichzeitig gerecht werden?
Henning Schmitt:
Gibt es denn einen Plan fĂŒr die Zukunft der Siedlung?
Louisa Sobota:
Seit 2014 wird an einem interkommunalen Handlungskonzept gearbeitet, das von der Stadt Hamm als landesĂŒbergreifendes Projekt initiiert wurde und gerade noch in seinen AbschlĂŒssen ist. Heute sind 72 Siedlungen des Ruhrgebiets Teil davon, wobei Vertreter aus TrĂ€gerschaften Chancen und Perspektiven gemeinsamen Handelns austauschen. Dazu gehören zum Beispiel die Kommunen, das StĂ€dtebauministerium, Wohnungsunternehmen, Arbeitskreise ĂŒber Denkmalpflege und der Regionalverband Ruhr. Das Ziel ist der Erhalt der charakteristischen Strukturen von Arbeitersiedlungen.
Henning Schmitt:
Wird dort auch im Sinne von Nachhaltigkeit gearbeitet?
Louisa Sobota:
Ja. Ein Ziel ist zum Beispiel die Entwicklung von mehr GrĂŒnflĂ€chen in den Siedlungen. Das hat sich in der Dahlhauser Heide in den letzten Jahren bereits gut entwickelt, durch den Ausbau der BiodiversitĂ€t auf GrĂŒnflĂ€chen. Bisher gibt es allerdings keine öffentlich wirksame Auseinandersetzung mit der Erinnerungskultur vor Ort.
Outro
Henning Schmitt:
Der zukĂŒnftige Umgang mit Erinnerung und Geschichte in der ehemaligen Zechensiedlung Dahlhauser Heide bleibt also offen.
Louisa Sobota:
Genau. Die Erinnerungskultur in so einer ehemaligen Zechensiedlung ist eben kein SelbstlĂ€ufer. Viele Faktoren und unterschiedliche Interessen treffen aufeinander. Es bleibt die Frage: FĂŒr wen wird hier in Zukunft eigentlich noch erinnert und wieso? Die bauliche Struktur allein zu erhalten, wird vermutlich nicht ausreichen, um die Geschichte der Dahlhauser Heide auch in Zukunft zu erzĂ€hlen.
Henning Schmitt:
Das war unsere Folge ĂŒber die Dahlhauser Heide. Ein Beispiel von einer Siedlung, das zeigt, wie Vergangenheit und Gegenwart im Ruhrgebiet aufeinandertreffen. Vielen Dank Louisa fĂŒr die Einblicke und das GesprĂ€ch. In den Shownotes gibt es alle Quellen, Literatur und Links. Folgt uns gerne auf Instagram und besucht unsere Website, wenn ihr noch mehr ĂŒber Erinnerungsorte im Ruhrgebiet erfahren wollt. Wenn euch jetzt interessiert, wie Bergarbeiter eigentlich ihre Freizeit nach Feierabend verbracht haben, wenn sie nicht direkt nach Hause gegangen sind, dann hört euch nĂ€chste Woche die neue Folge an. Da wird es um alte Bergmannskneipen in Schonnebeck und ihre Entwicklung gehen. Hört auch gerne in die letzten Folgen rein. Danke fĂŒrs Zuhören!
Louisa Sobota:
Danke dir, auf Wiedersehen!
Quellen
âGern 15 Jahre frĂŒher die Freude gehabtâ, in: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 19.03.1977.
Hachenberger, Reinhard; Jaspert, Herbert: Sanierung der Bergarbeitersiedlung Dahlhauser Heide. Eine Zwischenbilanz zur Erneuerung und Eigentumsbildung, Bochum 1980.
KrĂ€mer, Kristina: Interview, gefĂŒhrt von Louisa Sobota, Bochum 20.01.2026.
Stadt Bochum: Gestaltungssatzung Nr. 482 G, Siedlung Dahlhauser Heide, Bochum 2025.
Weber, Otto: Interview, gefĂŒhrt von Louisa Sobota, Bochum 12.01.2026.
Literatur
Assmann, Jan: Kollektives GedÀchtnis und kulturelle IdentitÀt, in: Assmann, Jan; Hölscher, Tonio (Hgg): Kultur und GedÀchtnis, Frankfurt 1988, S. 9-19.
Berger, Stefan et al.: Erinnerungsgeschichte des Ruhrgebiets. Eine Einleitung, in: Berger, Stefan et al. (Hgg.): Zeit-RĂ€ume Ruhr. Erinnerungsorte des Ruhrgebiets, Essen 2019, S. 21-45.
Chudasch, Christine; Conrad, Barbara; Muhle, Heinz-Martin: Interkommunales Handlungskonzept. Siedlungskultur in Quartieren des Ruhrgebiets, Dortmund 2017.
Czierpka, Juliane; Thieme, Sarah; Bock, Florian: RuhrgebietsidentitĂ€t(en). Sechs Thesen, in: Czierpka, Juliane; Thieme, Sarah; Bock, Florian (Hgg.): Schimanski, Kumpel, Currywurst? IdentitĂ€tskonstruktionen fĂŒr das Ruhrgebiet seit den 1970er Jahren, Frankfurt 2024, S. 7-40.
Nora, Pierre: Zwischen Geschichte und GedÀchtnis (Kleine kulturwissenschaftliche Bibliothek 16), Berlin 1990.
Schute, Gerhard: WohlgefĂŒhl des Wohnens. Erinnerungsort Siedlung, in: Berger, Stefan et al. (Hgg.): Zeit-RĂ€ume Ruhr. Erinnerungsorte des Ruhrgebiets, Essen 2019, S. 517-536.
Stemmrich, Daniel: Die Siedlung als Programm. Untersuchungen zum Arbeitgeberwohnungsbau anhand Kruppscher Siedlungen 1861 und 1907, Hildesheim 1981.
von Wrangel, Constanze: Industriekultur erleben. Ăber IdentitĂ€tskonstruktionen an den ehemaligen Orten der Industrie im Ruhrgebiet, in: Czierpka, Juliane; Thieme, Sarah; Bock, Florian (Hgg.): Schimanski, Kumpel, Currywurst? IdentitĂ€tskonstruktionen fĂŒr das Ruhrgebiet seit den 1970er Jahren, Frankfurt 2024, S. 41-70.
Credits
Website: â AKTIV die Folgen des Ruhrbergbaus aufarbeitenâ â
Instagram: â @aktiv_geschichteâ
Projektleitung: â Jana Lena JĂŒngerâ â & â â Dr. Stefan Zeppenfeldâ â
Arbeitsbereich â Didaktik der Geschichte & Public Historyâ des Historischen Instituts der Ruhr-UniversitĂ€t Bochum
Förderung: â Stiftung Innovation in der Hochschullehreâ
Produktion & Schnitt: Louise Sobota
Grafikdesign: â d-a-m-k BĂŒro fĂŒr Gestaltungâ
Sprecherin: Isabelle Klein
Intro/Outro: Romantic Piano Intro Ident / BreakzStudios
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