BegrĂŒĂung und Einstieg
Marie Trendelenburg:
Hallo und herzlich willkommen zur 2. Folge von âRevierrelikte â Ruhrgebiet im Wandelâ. Mein Name ist Marie Trendelenburg und ich bin heute hier zusammen mit Paula Wrede. Ich möchte euch zunĂ€chst mitnehmen auf eine kleine Gedankenreise: Wir sind am Kemnader Stausee. Wir kommen von der OveneystraĂe und spazieren nahe des Ufers entlang. Vor uns sehen wir zwei groĂe SandsteingebĂ€ude, von denen wir wissen, dass dort unter anderem eine Eisdiele und eine Surfschule zu finden sind. Wir gehen ein StĂŒckchen weiter und sehen neben dem ersten GebĂ€ude eine Infotafel mit der Ăberschrift âZeche Gibraltar â Folterort der SAâ. Hinter dem Fahrradweg, der hinter den GebĂ€uden herfĂŒhrt, entdecken wir eine gelbe Lok mit drei schwarzen Grubenwagen und einer weiteren Infotafel, die den Ort als Teil des âBergbauwanderwegs Bochum-SĂŒdâ ausweist. Vom Weg aus sehen wir am Ende der Wiese einen Steinbogen, der aus dem Felsen ragt. Drehen wir uns um, fĂ€llt unser Blick auf den See. Paula, du hast dich etwas genauer mit diesem Ort befasst und was es damit auf sich hat, was wir hier heute sehen können. Wo genau sind wir hier? Und warum lohnt es sich, diesen Ort genauer zu betrachten, wenn wir ĂŒber Industriekultur und Erinnerung im Ruhrgebiet sprechen?
Paula Wrede:
Ja, Marie, der Ort, ĂŒber den du uns hier gerade erzĂ€hlt hast, ist das GelĂ€nde der ehemaligen Zeche Vereinigt Gibraltar Erbstollen. Wie du schon erkannt hast, gibt es hier einiges zu entdecken und noch mehr darĂŒber zu erzĂ€hlen, denn der Ort ist etwas zerstĂŒckelt, und so auch seine Zeitschichten. Aber lass mich einfach von vorne anfangen.
Der Bergbau in seinen AnfÀngen bis 1883
Paula Wrede:
Der Ort liegt heute am Kemnader Stausee. Vor etwa 200 Jahren gab es den See noch nicht, aber die Ruhr fĂŒhrte auch damals schon etwa am heutigen Nordufer entlang. Diese Lage erklĂ€rt die frĂŒhe bergbauliche Nutzung des Ortes. Die Kohle lag hier sehr oberflĂ€chennah, sodass keine tiefen SchĂ€chte erforderlich waren wie in groĂen Zechen mit hohen FördertĂŒrmen, die wir hĂ€ufig mit dem Ruhrgebiet in Verbindung bringen. Das erste Mal, dass an dieser Stelle eine offizielle Genehmigung beim zustĂ€ndigen Bergamt beantragt und gewĂ€hrt wurde, war 1786. In den nĂ€chsten Jahren wurde also im LĂ€ngenfeld Gibraltar das erste Mal Kohle abgebaut. Am 31. Dezember 1803 wurde dann vom königlichen Oberbergamt Dortmund auch das Erbstollenrecht verliehen. So richtig los ging es aber trotzdem noch nicht. Knappe drei Jahrzehnte spĂ€ter wurde der Erbstollen dann aufgefahren, und das Mundloch, das man heute noch sehen kann, entstand. Der Stollen wurde von der OberflĂ€che fĂŒr etwa zwei Kilometer schrĂ€g in die Erde gegraben. Im nĂ€chsten halben Jahrhundert lief hier ohne groĂe Besonderheiten ein Zechenbetrieb. Der Erbstollen wurde in erster Linie als Bewetterungsschacht genutzt, diente aber auch zum Abtransport der abgebauten Kohle. Im Jahr 1855 arbeiteten 123 BeschĂ€ftigte in der Zeche, die geförderte Kohle wurde ĂŒber die Ruhr verschifft. Zeitgenössische Quellen, wie die Aufzeichnung von Fördermengen und Verkaufsanzeigen fĂŒr Kuxen, zeigen Gibraltar als wirtschaftlichen Betrieb, eingebettet in regionale AbsatzmĂ€rkte. Im Jahr 1883 war dann erst einmal Schluss. Der Bergbau verlagerte sich weiter in den Norden, wo durch neue Innovationen in gröĂeren Zechen effizienter Kohle abgebaut werden konnte. Kleine Zechen im sĂŒdlichen Ruhrgebiet schlossen, so auch die Zeche Gibraltar. Aus dieser Zeit ist heute vor allem noch das Mundloch – also der sichtbare Eingang des Stollens in den Berg – erhalten. Um sich das genauer anzuschauen, muss man aber bereit sein, die asphaltierten Wege zu verlassen und ĂŒber die Wiese einen kleinen HĂŒgel hinunterzugehen. Durch die Distanz zu den weiteren Ăberbleibseln verschwindet das Mundloch etwas in den Hintergrund, und damit auch die frĂŒhe Geschichte der Zeche auf dem GelĂ€nde.
Die zweite Phase des Bergbaus 1919 bis 1925
Marie Trendelenburg:
Das heiĂt, wir haben es hier bisher mit einem Ort zu tun, der im Alltag der Region verankert ist. Dieser Teil der Geschichte wird in der Gegenwart aber weniger als historisch bedeutsam dargestellt und bleibt wenig sichtbar. Du hast gesagt, dass der Betrieb eingestellt wird. Wir wissen aber ja, dass der Ort noch mehr erzĂ€hlt â also wie geht es weiter?
Paula Wrede:
Weiter geht es nach dem Ersten Weltkrieg. Der hohe Kohlebedarf wird vor allem durch die Reparationsforderungen Frankreichs, Belgiens, Luxemburgs und Italiens verstĂ€rkt. Das fĂŒhrt dazu, dass einige sĂŒdlichere Zechen wieder ihren Betrieb aufnehmen, so auch die Zeche Gibraltar. In den nĂ€chsten Jahren erlebte die Zeche einen richtigen Aufschwung. Das ZechengelĂ€nde wurde weiter ausgebaut und um die heute noch stehenden GebĂ€ude aus Sandstein ergĂ€nzt, die unter anderem als VerwaltungsrĂ€ume und UnterkĂŒnfte fĂŒr Mitarbeitende genutzt wurden. Zu diesem Zeitpunkt war die Zeche im Besitz des Duisburger Konzerns Haniel. 1920 wurde eine BrĂŒcke ĂŒber die Ruhr fertiggestellt, die eine direkte Verbindung zum Verladebahnhof Blankenstein in Hattingen herstellte. Zeitungsberichte aus dieser Zeit zeichnen ein Bild von steigender Produktion und wachsender BeschĂ€ftigung.
Marie Trendelenburg:
Wir wissen ja schon, dass dieser Boom nicht ewig andauerte. Wann endete der wirtschaftliche Aufschwung denn dann?
Paula Wrede:
Ab 1924 gab es erste Absatzprobleme, die in anderen Zechen zu KĂŒndigungen und SchlieĂungen fĂŒhrten. Erst einmal spĂŒrte die Zeche Gibraltar wenig davon. Es wurden sogar noch Bergleute eingestellt, die ihre Arbeit in den anderen Zechen verloren hatten. Abgesehen von einem eingeschrĂ€nkten Betrieb im Januar 1925 aufgrund von Hochwassern lief es bis Mitte 1925 sehr gut. Dann traf es aber auch die Zeche Gibraltar. Mitte Juli wurden 80 der ĂŒber 400 Bergleute zum August gekĂŒndigt. Kurz darauf war klar: Am 15. August 1925 wird auch in Gibraltar der Betrieb eingestellt. Drei Jahre nach der SchlieĂung verkaufte Haniel die Zeche an die Gewerkschaft NeumĂŒhl, die den Betrieb allerdings nicht erneut aufnahm.
Das ZechengelÀnde im Nationalsozialismus
Marie Trendelenburg:
Wir sind jetzt gerade im Jahr 1928. Wie ich in der Einleitung erzÀhlt habe, steht neben dem ZechengebÀude eine Infotafel zur NS-Zeit. Also muss es ja doch noch ein bisschen weiter gehen. Wie sieht das aus?
Paula Wrede:
Genau, der Bergbau ist beendet â wobei auch noch nicht so ganz, aber eins nach dem anderen. Das heiĂt aber ja nicht, dass die Geschichte des Ortes abgeschlossen ist. Nach der SchlieĂung der Zeche liegt das GelĂ€nde erst einmal brach, und die alten ZechengebĂ€ude stehen leer. Im Jahr 1932 eignete sich der sogenannte âStahlhelmbundâ die ehemaligen ZechengebĂ€ude an und brachte dort eine Einheit des Freiwilligen Arbeitsdienstes unter. Kurz darauf 1933 ĂŒbernahm die Bochumer SA kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten das GelĂ€nde. Mindestens in der ersten JahreshĂ€lfte nutzte die SA die GebĂ€ude als Treffpunkt und sogenanntes âwildes KZâ. Der Gewerkschafter Hans Mugrauer berichtet spĂ€ter:
âWem die Nazis ganz ĂŒbel mitspielen wollten, den schleppten sie nach Gibraltar â bald ein gefĂŒrchtetes Wort.â
Â
Marie Trendelenburg:
Welche Personen mussten denn Gibraltar so sehr fĂŒrchten?
Paula Wrede:
In den alten ZechengebĂ€uden waren politische Gegner, also Sozialdemokraten, Kommunisten und Gewerkschaftler inhaftiert. Es wurden etwa 250 Menschen misshandelt und zu Zwangsarbeit gezwungen. Im Juni 1933 wurde dem GelĂ€nde schon eine weitere Aufgabe zuteil. Es wurde eine FĂŒhrerschule eröffnet, das sogenannte DĂŒsterberg-Haus. Bei einer groĂen Eröffnungsfeier und auch in spĂ€teren Berichten wird der Ort nun positiv inszeniert als Ort fĂŒr Jugend, Zukunft und âVolksgemeinschaftâ. Die GebĂ€ude bleiben dieselben, die Nutzung und Bedeutung werden vollstĂ€ndig umgedeutet und instrumentalisiert. Etwas spĂ€ter, wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs, wurden die ZechengebĂ€ude als Kriegsgefangenenlager genutzt. Seit 1983 wird durch eine Gedenktafel an den alten ZechengebĂ€uden an die Misshandlung und Folterung der politischen Gegner des Bochumer Nationalsozialismus erinnert. Diese Gedenktafel wurde auf Initiative von Emil Schewenerdel, einem ehemaligen HĂ€ftling des wilden KZs, angebracht und vom damaligen OberbĂŒrgermeister Heinz Eickelbeck enthĂŒllt.
Die VerÀnderung durch den Strukturwandel und der Einzug der Industriekultur
Marie Trendelenburg:
Das ist eine schwere Geschichte und ein Aspekt des Ortes, bei dem man sich sicherlich darĂŒber unterhalten könnte, ob er genug Raum zur VerfĂŒgung gestellt bekommt. Aber bevor wir so ganz zur Situation heute kommen: Du hattest noch erwĂ€hnt, dass der Bergbau noch nicht so ganz abgeschlossen war. Und 1945 sieht der Ort vermutlich auch noch nicht ganz so aus wie heute? Was passierte noch, bis wir an dem Ort stehen können, an dem wir das heute tun?
Paula Wrede:
Genau, ein bisschen was passiert noch: Ăhnlich wie nach dem Ersten Weltkrieg wurde auch in diesen Nachkriegsjahren noch einmal Kohle gefördert. 1955 veranlasste der Konzern Haniel, dem die Zeche seit 1918 und 1928 gehört hatte, ein Gutachten zu den Kohlevorkommen, Kosten und Aussichten fĂŒr die Aufnahme eines Kohlengewinnungsbetriebs. Der Betrieb wurde allerdings nicht noch einmal in gröĂerem AusmaĂ aufgenommen. Parallel wurden die ZechengebĂ€ude schon wieder anderweitig genutzt. In einem GebĂ€ude war eine Lederfabrik. Im anderen GebĂ€ude entstand ein Lager fĂŒr Heimatvertriebene, von dem 1957 noch in einem Zeitungsartikel berichtet wird. In dieser Zeit erinnerte man sich wohl nicht an die Nutzung in der NS-Zeit, denn es wird ĂŒber die GebĂ€ude berichtet, dass sie seit Jahrzehnten leer standen. Ende der 50er Jahre macht sich im Ruhrgebiet eine Krise des Bergbaus bemerkbar. Aus damaliger Sicht beginnt eine temporĂ€re Durststrecke. Heute wissen wir, dass diese Krise nicht mit der RĂŒckkehr des Bergbaus endet, sondern ein Strukturwandel den Anfang nimmt. Der wohl gröĂte Schritt in unmittelbarer NĂ€he zur Zeche Gibraltar zum Gegensteuern dieser Krise war dabei die GrĂŒndung der Ruhr-UniversitĂ€t. Mit der GrĂŒndung und dem Baubeginn wurde auch die in den 1920ern schon einmal dagewesene, aber verworfene Idee eines Stausees wieder aufgegriffen. Dieser wurde 1979 fertiggestellt und war der Grundstein fĂŒr die Einrichtung eines Naherholungsortes und einer Freizeitanlage, die bis heute durch das Freizeitzentrum Kemnade bespielt wird. Mit der Neugestaltung der Umgebung wurde sich wieder intensiver mit dem Ort befasst. Nach der EnthĂŒllung der schon erwĂ€hnten Gedenktafel 1983 wurde zum Beispiel zwei Jahre spĂ€ter das Mundloch restauriert und somit zu einem Erinnerungsort an den Bergbau.
Marie Trendelenburg:
Jetzt haben wir fast alles benannt, was wir auf unserer Gedankenreise am Anfang vorgestellt haben. Nur die gelbe Grubenlok fehlt noch. Was hat es mit der auf sich?
Paula Wrede:
Wenn man Internetforen Glauben schenken kann, kommt die Grubenbahn aus der Grube Anna bei Aachen. Vermutlich hat sie 1991 ihren Weg nach Stiepel gefunden. Wer das veranlasst hat und warum, konnte ich bei meiner Recherche leider nicht herausfinden. Das Bahnmodell scheint in den 40er Jahren zum Einsatz gekommen zu sein, zu einer Zeit, als der Bergbau in der Zeche Gibraltar eigentlich schon abgeschlossen war. Eine tatsĂ€chlich historische Bedeutung hat sie an dieser Stelle also nicht. Was sie aber natĂŒrlich bedient, ist das klassische Bild des Ruhrgebiets. Neben das Mundloch einer ehemaligen Zeche gehört vielleicht einfach eine alte Grubenbahn mit Wagen.
Tradition und Industriekultur
Marie Trendelenburg:
Die Restauration des Mundlochs zeugt ja von einem Traditionsbewusstsein und einer Nostalgie des Bergbaus, die mit einem nicht unerheblichen zeitlichen Abstand bewusst eingesetzt wurden. Gab es die Idee bzw. den Wunsch nach dieser Traditionsbewahrung vorher also zur Zeit des aktiven Bergbaus nicht?
Paula Wrede:
Nach der SchlieĂung 1883 ist das schwierig zu sagen. Ich habe bei meiner Recherche nichts finden können, das etwas ĂŒber die Reaktion auf die ZechenschlieĂung aussagt. Die Literatur spricht dafĂŒr, dass der Bergbau zu der Zeit noch keinen weitergehenden kulturellen Anspruch hatte, also eher auf den ökonomischen Nutzen beschrĂ€nkt war. Das wĂŒrde dafĂŒr sprechen, dass es auĂer den wegfallenden ArbeitsplĂ€tzen nicht von weiterem Interesse war. 1925 sah das schon etwas anders aus. Aus Zeitungsartikeln ist zu lesen, dass sich auch zehn Jahre spĂ€ter nach einer RĂŒckkehr des Bergbaus an dieser Stelle gesehnt wird. Kurz vor der SchlieĂung der Zeche wird im WestfĂ€lischen Volksblatt ein romantisches Bild des Bergbaus in Gibraltar beschrieben:
O-Ton WestfÀlisches Volksblatt:
âWer entsinnt sich nicht noch des vertrĂ€umt im dĂ€mmernden Wald liegenden alten Einfahrstollens [âŠ]. Der Krieg mit seinem Riesenbedarf an Kohlen entriĂ den alten Erbstollen seinem Dornröschenschlaf. Eine groĂe moderne Anlage wurde geschaffen, massive GebĂ€ude, fĂŒr einige Jahrhunderte bestimmt, wurden gebaut. Jetzt soll diese moderne Anlage, die noch ĂŒber 350 Bergleuten Arbeit und Lohn gibt, zum 15. August stillgelegt werden. Im Dienstraum des jetzigen Betriebsdirektors hĂ€ngen Spitzhacken, Bohrer und HĂ€mmer der alten Knappen, die vor 100 und mehr Jahren Gibraltar befuhren.â
Paula Wrede:
Der Verfasser schlieĂt mit diesem nostalgischen Blick nicht den Betrieb ab, sondern formuliert auch eine hoffnungsvolle Zukunft:
âVielleicht finden nach wieder 100 Jahren Bergleute aus dem Jahre 2000 und mehr GezĂ€bestĂŒck der Knappschaft von heuteâ.
Paula Wrede:
Hier zeigt sich also schon der Wunsch nach einer Traditionsbewahrung und vor allem auch eine Zukunftsvision. Es entwickelt sich ein in Teilen vielleicht etwas verklÀrtes Geschichtsbild, das auf gemeinsamen Erfahrungen aufbaut und eine gemeinsame Zukunft vermittelt. Dieses wird durch die Krise verstÀrkt und ist vielleicht ein erster Schritt zu der Industriekultur, die wir heute kennen.
Marie Trendelenburg:
Inwiefern hat sich das Bild bis heute denn verÀndert?
Paula Wrede:
Naja, es hat sich im Laufe der Jahre weiterentwickelt, ein Kern ist aber geblieben. Vor allem der Blick in die Zukunft hat sich verĂ€ndert. Es wird nicht mehr an der RĂŒckkehr des Bergbaus festgehalten, aber immer wieder werden Zukunftsvisionen mit dem auf der Tradition geschaffenen IdentitĂ€tsgefĂŒhl in gewisser Weise begrĂŒndet. Diese IdentitĂ€tsstiftung und regionale Kulturschreibung wird auch auf dem ZechengelĂ€nde bedient. Die Grubenbahn steht wohl kaum fĂŒr die Geschichte des spezifischen Ortes und vielmehr fĂŒr ein regionales GeschichtsgefĂŒhl. Und auch die Markierung des Ortes als Teil eines Bergbauwanderwegs impliziert diesen Ort als Teil der gröĂer gedachten Industriekultur.
Herausforderung der Erinnerung
Marie Trendelenburg:
Bevor wir weitergehen, möchte ich einmal kurz auf diesen Moment zurĂŒckkommen: Wir haben hier Mundloch, Loren, Wanderweg-Markierung â und daneben eine Tafel, die Gibraltar als Folterort der SA markiert. Das sind sehr unterschiedliche Erinnerungsangebote, die gleichzeitig am Ort stehen. Wenn wir âIndustriekulturâ als eine Art und Weise verstehen, wie eine Region ihre Vergangenheit erzĂ€hlt, dann stellt sich mir die Frage: Ist das hier ein vielstimmiger Erinnerungsort oder eher ein Patchwork, das WidersprĂŒche nebeneinanderstellt oder einen sinnvollen Zusammenhang herstellt?
Paula Wrede:
Der Ort zeugt von dem von unter anderem Helen Wagner beschriebenen Geschichtsboom, der im Ruhrgebiet auf den Wirtschaftsboom folgte und heute noch folgt. Viele Akteur*innen setzen sich aus unterschiedlichen Perspektiven, zu unterschiedlichen Zeitpunkten und mit unterschiedlichen Zielen mit dem Ort auseinander. Nach der grauen Industrie entsteht neben dem Erfolgskonzept ein grĂŒnes Freizeitzentrum, das zur Versöhnung mit der krisenbehafteten Vergangenheit beitrĂ€gt. Auf einer kulturellen Ebene werden mehrere Angebote zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und der IdentitĂ€tsstiftung gemacht. Durch diese Gleichzeitigkeit von Angeboten werden vor allem zwei Herausforderungen klar. Zum einen die Herausforderung, den unterschiedlichen Zeitschichten genĂŒgend Raum zu geben und diese abzuwĂ€gen, ohne einzelnen Zeitschichten die BĂŒhne zu nehmen. Zum anderen die Balance zu finden zwischen einer lokalen Geschichtsschreibung und einer regionalen IdentitĂ€tsgeschichte. Bei der Frage nach den RĂ€umen zeigt sich an diesem Ort, dass die Frage, welche Geschichte welchen Raum bekommt, immer wieder bewusst oder unbewusst neu verhandelt wird. Vermutlich war in den 90ern die gelbe Lok als neues Element und Eyecatcher das, was vielen SpaziergĂ€nger*innen schnell ins Auge gefallen ist. 2022 wurde dieser Fokus etwas verlegt. Die 1983 angebrachte Gedenktafel bekam einen neuen Ort und wanderte von der vom See abgewandten Seite auf die höher frequentierte Seeseite des ZechengebĂ€udes und wurde auĂerdem durch eine Infotafel von Stadt und Stadtarchiv erweitert und kontextualisiert. Dabei wurden den frĂŒheren Zeitschichten vielleicht nicht die BĂŒhne genommen, aber mindestens zeitweise in den Hintergrund gerĂŒckt. FĂŒr diesen Moment steht also die Geschichte des ZechengelĂ€ndes in der NS-Zeit durchaus berechtigterweise im Vordergrund. Es zeigt aber auch, dass Geschichte dynamisch und nie abgeschlossen erzĂ€hlt ist. Dabei muss kein Kampf um eine BĂŒhne stattfinden, durchaus kann und sollte aber ein Diskurs darĂŒber aktiv bleiben, welche Aspekte zu welcher Zeit im Scheinwerferlicht stehen dĂŒrfen und sollen.
Marie Trendelenburg:
Und wie sieht es mit der Herausforderung der Balance zwischen lokaler Geschichte und regionaler IdentitÀt aus? Schafft der Ort es deiner Meinung nach, diese zu meistern?
Paula Wrede:
Ich denke, der Ort macht schon einiges richtig, verpasst aber vielleicht auch ein paar Möglichkeiten. Wir finden an diesem Ort ein romantisierendes Bild des Bergbaus gezeichnet durch verkĂŒrzte Informationen, die typischen Loren und das versöhnende Natur- und Freizeitangebot und wir finden eine GewalterzĂ€hlung der NS-Zeit als dunkles Kapitel. Was dabei verloren geht, ist der Blick auf die alltĂ€gliche und praktisch orientierte RealitĂ€t, die ĂŒber lange Zeit den Ort prĂ€gte. Knapp 200 Jahre wurde der Ort vor allem als nutzbare ArbeitsflĂ€che gesehen, die dem Bedarf der Zeit angepasst wurde, was sich ja auch heute nicht groĂartig geĂ€ndert hat. Es wird also die Chance verpasst, eine persönliche, aber eben doch alltĂ€gliche Geschichte zu erzĂ€hlen und schon bekannte MeistererzĂ€hlungen vielleicht zu ergĂ€nzen. Dazu trĂ€gt unter anderem auch die Grubenbahn bei. Einerseits markiert sie einen Ort unverkennbar als Ort des Bergbaus, andererseits nimmt sie aber auch den Raum, sich mit der Geschichte des lokalen Raums auseinanderzusetzen. Denn besonders Orte, die keine LeuchttĂŒrme sind â denen viel Aufmerksamkeit und entsprechende Ressourcen zukommen â, laufen eben schnell Gefahr, ĂŒberschattet zu werden. Gegen die universell erkennbare Grubenbahn tut sich die Infotafel, die von Heimat- und Knappenverein und der Stadt aufgestellt wurde, sehr schwer. In gewisser Weise ist das bestimmt auch ein Gewinn. Der Gemeinschaftssinn, der durch einfache Symbole geweckt wird, ist kein SelbstverstĂ€ndnis und kann ein Motor fĂŒr eine Region sein.
Marie Trendelenburg:
Das heiĂt, diese Symbole wie die Loren haben zwei Seiten: Sie stiften IdentitĂ€t, aber sie können auch vereinfachen und ĂŒberdecken. Und genau da kommt fĂŒr mich eine Anschlussfrage: Wenn Gibraltar seit ĂŒber 200 Jahren immer wieder umgenutzt wurde â als Zeche, Lager, FĂŒhrerschule, FlĂŒchtlingsunterkunft, Freizeitort â, ist die heutige Erinnerungskultur dann vielleicht auch einfach eine Form der Nachnutzung? Also nicht âder Gegensatzâ zur Nutzung, sondern ein neuer Bedarf?
Paula Wrede:
Ja, genau so wĂŒrde ich das lesen. Wenn man sich die Geschichte als Reihe von Anpassungen an den jeweiligen Bedarf anschaut, dann ist das heutige Erinnern keine Ausnahme, sondern reiht sich ein: Der Ort wird weiterhin funktional gestaltet â nur dass ein Teil der Funktion heute darin besteht, Vergangenheit sichtbar zu machen, IdentitĂ€t anzubieten und Deutungen zu rahmen. Die Nachnutzung dieses Ortes reiht sich in die vergangenen Zeitschichten ein. Von Beginn an wird die Gestaltung Gibraltars in erster Linie durch den Bedarf bestimmt. Und so wird das auch heute weitergefĂŒhrt. Auf der einen Seite durch die offensichtliche praktische und wirtschaftliche Nutzung der alten ZechengebĂ€ude, aber eben auch durch die Nutzung als Erinnerungsort, dessen Bedarf sich durch die wiederholte Auseinandersetzung durch unterschiedliche Personengruppen zeigt.
Outro
Marie Trendelenburg:
Danke, Paula. Wenn wir jetzt gedanklich noch einmal an den Anfang zurĂŒckgehen â an den Spazierweg, die SandsteingebĂ€ude mit Eisdiele und Surfschule, das Mundloch, die gelbe Lok und die beiden Tafeln â, dann wirkt dieser Ort wie ein Knotenpunkt verschiedener Zeiten. Nicht als geschlossene ErzĂ€hlung, sondern als Zusammenspiel von Zeichen: manche sind sehr eindeutig, andere muss man ein wenig suchen. Was wir an Gibraltar sehen können, ist damit vielleicht weniger die âeineâ Geschichte der Zeche, sondern ein Beispiel dafĂŒr, wie Erinnerung in Bewegung bleibt: Sie wird neu genutzt, verschoben, ergĂ€nzt â wie die Gedenktafel, die 2022 an einen sichtbareren Ort rĂŒckte, oder wie die Lok, die eher ein regionales Symbol ist als ein lokales Original. In diesem Sinn fĂŒgt sich Gibraltar in die Industriekultur des Ruhrgebiets ein â aber eben nicht als Leuchtturm, sondern als Ort, an dem man beobachten kann, wie regionale IdentitĂ€t, lokale Geschichte und alltĂ€gliche Nachnutzung miteinander konkurrieren und sich gegenseitig umformen.
In der nÀchsten Folge besuchen wir einen weiteren Ort an dem Vergangenheit und Gegenwart eng miteinander verwoben sind. Dann nimmt uns Louisa Sobota mit in die Zechensiedlung Dahlhauser Heide und stellt die Frage was von einer Bergbausiedlung bleibt, wenn der Bergbau selbst lÀngst verschwunden ist. Hört gerne auch da rein!
In den Shownotes findet ihr alle verwendeten Quellen, Literatur sowie weiterfĂŒhrende Hinweise. Ebenso gelangt ihr ĂŒber die dort angegebenen Links zu unserer Website und unserem Social Media. Vielen Dank fĂŒrs Zuhören und bis zum nĂ€chsten Mal!
Quellen
Minute 6.20
Mugrauer, Hans: Bericht ĂŒber die Nutzung der Zeche Gibraltar durch die SA, zitiert nach: Wagner, Johannes Volker: Hakenkreuz ĂŒber Bochum. Machtergreifung und Nationalsozialistischer Alltag in einer Revierstadt, Bochum 1983, S. 197.
Minute 11.00
o.A.: Vom Bergbau an der sĂŒdlichen Ruhr, in: WestfĂ€lische Volks-Zeitung, 13.08.1925, URL: zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/pagetext/23171783?query=gibraltar%20stiepel, abgerufen am 20.01.2026.
Aus Bochum und Umgebung. Der Ausbau der Stollenzeche Ver. Gibraltar, in: WestfÀlische Volks-Zeitung, 05.02.1925, URL: zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/pagetext/23170527?query=gibraltar%20stiepel, abgerufen am 20.01.2026.
Aus Witten und Umgegend. Neue Kohlenbetriebe, in: Wittener Volks-Zeitung, 10.02.2021, URL: zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/pagetext/10591902?query=gibraltar%20stiepel, abgerufen am 20.01.2026.
Bekanntmachung, in: Bochumer Kreisblatt, 29.4.1837, URL: zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/zoom/23465819?query=gibraltar%20stiepel, abgerufen am 20.01.2026.
Denkmal Grubenbahnzug Zeche Gibraltar Erbstollen. Deutz 26103-1939 â Bochum 44797 (Feldbahn), aus: bahninfos.com, 06.02.2024, URL: bahninfos.com/listing/denkmal-grubenbahnzug-zeche-gibraltar-erbstolln-deutz-26103-1939-bochum-44797-feldbahn/, abgerufen am 20.01.2026.
FĂŒhrerschulungslager âDĂŒsterberg-Hausâ beherbergt jetzt den staatlichen FĂŒhrerschulungslehrgang des Freiwilligen Arbeitsdienstes in Bochum, in: Bochumer Anzeiger, 9.3.1933, URL: zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/pagetext/5936074 , abgerufen am 20.01.2026.
GlĂŒckliche Junge Menschen. Ein Tag im Lager Gibraltar (Bochum-Stiepel) des Arbeitsdienstes der NSDAP, in: Bochumer Anzeiger, 05.06.1934, URL: zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/pagetext/5945735?query=gibraltar%20stiepel, abgerufen am 20.01.2026.
Menschen in Not. Zeche âGibraltarâ dient heute als FlĂŒchtlingsunterkunft, in: unbekannt, 18./19.05.1957, zitiert nach: Dickten, Wilhelm. Stiepeler Zechen. Bochum 1986.
Neueinstellungen auf der hiesigen Grubenanlage, in: WestfÀlische Volk-Zeitung, 26.09.1924, URL: zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/pagetext/23168828?query=gibraltar%20stiepel, abgerufen am 20.01.2026.
Westfahlen, Rheinland, Nachbargebiete. Stiepel, in: Gevelsberger Zeitung, 24.07.1925, URL: zeitpunkt.nrw/ulbms/periodical/pagetext/19242896, abgerufen am 20.01.2026.
Dickten, Wilhelm: Stiepeler Zechen. Bochum 1986.
Gutachten zur Wiederaufnahme des Kohlenabbaus durch den Konzern Haniel (1955), zitiert nach BĂ€hr, Manfred; Beckmann, Horst: Die Geschichte der Grubenfelder Ver. Gew. Gibraltar und Schiffsruder in Stiepel. Zusammenstellung relevanter Daten der Grubenfelder und ihrer Zechen anlĂ€sslich der Veranstaltung âWir in Stiepelâ zum 1000 jĂ€hrigen JuilĂ€um der Dorfkirche Stiepel, Bochum 2008.
Stadt Bochum, Stiepeler Verein fĂŒr Heimaterforschung e.V., Knappenverein SchlĂ€gel u. Eisen Bochum Stiepel/Dorf 1884 (Hgg.): Zeche Ver. Gibraltar Erbstollen (1786-1925), Informationstafel, Bochum.
Stadt Bochum, Stadtarchiv Bochum (Hgg.): Zeche Gibraltar. Folterort der SA (Informationstafel), Bochum-Stiepel 2022.
Literatur
BĂ€hr, Manfred; Beckmann, Horst: Die Geschichte der Grubenfelder Ver. Gew. Gibraltar und Schiffsruder in Stiepel. Zusammenstellung relevanter Daten der Grubenfelder und ihrer Zechen anlĂ€sslich der Veranstaltung âWir in Stiepelâ zum 1000-jĂ€hrigen JubilĂ€um der Dorfkirche Stiepel, Bochum 2008.
Berger, Stefan: Ankerpunkt regionaler IdentitÀt, Erinnerungsort Industriekultur, in: Berger, Stefan et al. (Hgg.): Zeit-RÀume Ruhr. Erinnerungsorte des Ruhrgebiets, Essen 2019, S. 500-516.
Berger, Stefan: Vom Nutzen und Nachteil der Nostalgie. Das Kulturerbe der Deindustrialisierung im globalen Vergleich, in: Zeithistorische Forschungen 18/1 (2021), S. 93-121.
Eiringhaus, Pia: GrĂŒne Metropole Ruhr – ein Versöhnungsnarrativ gegenĂŒber industriellem Raubbau und dessen Hinterlassenschaften?, in: Forum Geschichtskultur Ruhr 01/2022, S. 14-17.
Erll, Astrid: Kollektives GedĂ€chtnis und Erinnerungskulturen. Eine EinfĂŒhrung, 3. Aufl., Stuttgart 2017.
Hermann, Wilhelm; Hermann, Gertrude: Die alten Zechen an der Ruhr, 4. Aufl., Königstein im Taunus 1994.
Reil, Juliane: Erinnern und Gedenken im Umgang mit dem Holocaust. Entwurf einer historischen GedÀchtnistheorie, Bielefeld 2018.
Wagner, Helen: Vergangenheit als Zukunft? Geschichtskultur und Strukturwandel im Ruhrgebiet, Köln 2020.
Wagner, Johannes Volker: Hakenkreuz ĂŒber Bochum. Machtergreifung und Nationalsozialistischer Alltag in einer Revierstadt, Bochum 1983.
Credits
Website: â AKTIV die Folgen des Ruhrbergbaus aufarbeitenâ â
Instagram: â @aktiv_geschichteâ
Projektleitung: â Jana Lena JĂŒngerâ â & â â Dr. Stefan Zeppenfeldâ â
Arbeitsbereich â Didaktik der Geschichte & Public Historyâ des Historischen Instituts der Ruhr-UniversitĂ€t Bochum
Förderung: â Stiftung Innovation in der Hochschullehreâ
Produktion & Schnitt: Paula Wrede
Grafikdesign: â d-a-m-k BĂŒro fĂŒr Gestaltungâ
Sprecherin: Isabelle Klein
Intro/Outro: Romantic Piano Intro Ident / BreakzStudios
Trenner: Advertising Logo / Universfield